
Meine Begegnung mit dem Luchs
Seitdem 1971/1972 wieder Luchse im Kanton Obwalden ausgesetzt worden sind, sind die meisten dieser Grosskatze in den Kanton Bern "ausgewandert".
Ich hatte zwar schon vor vielen Jahren das Vergnügen, mit einer Sonderbewilligung im tschechisch-polnischen Grenzgebiet das Verhalten der dortigen Luchse und Braunbären zu studieren. Die Begegnung mit einem hiesigen Luchs ist, was mich anbetrifft, so um 1990 geschehen.
Wie schon so oft befand ich mich wieder einmal während einiger schönen Herbsttage im Hotel Rothorn-Kulm am Brienzergrat, von wo aus man herrliche Exkursionen zu dem vielfältigen Alpenwild unternehmen kann.
Es war noch dunkel, und nur ein kleiner, roter Streifen über der Sustengegend verkündete einen baldigen Tagesanbruch, als ich schon unterwegs war. Zwar noch mit einer Taschenlampe bewaffnet, kam ich auf dem schmalen Gratweg in westlicher Rich-tung gut voran. Mein Sinn galt den kapitalen Steinböcken rund um das Briefenhorn, die ich am Abend vorher mit einem starken Fernglas ausgemacht hatte. Die Dämmerung war schon recht fortgeschritten, als ich mich bei der zackigen Gegend oberhalb des Lätt-gässlis einfand. Kurz entschlossen stieg ich, einem fix montierten Seil folgend, das steile Couloir hinunter zu der so genannten "Chrutere", um später die Flanken des genannten Horns von Norden her anzugehen.
Unten angelangt, suchte ich mir eine kleine, versteckte und begraste Mulde aus, um von der nicht sofort einsichtbaren Warte aus zu beobachten, was sich in Sachen Wild in näherer oder weiteren Umgebung so alles tat. Schon beim Abstieg gewahrte ich etwa zweihundert Meter weiter unten ein kleiner gelbbraunen Fleck, den ich aber gedankenlos als Reh abtat. Auch hatte ich weiter hinten ein Krachen vernommen, das sich anhörte, als würden zwei Holzbretter gegeneinander geschlagen. In Wirklichkeit war das aber das Geräusch von je zwei Hornpaaren, das Steinböcke verursachen, wenn sie sich gegen-seitig auf die Hinterläufe stellen und dann wuchtig beim Herunterkommen zusammen-stossen. So stellen sie eine Rangordnung her, die bei der Fortpflanzung ausschlag-gebend ist . Sie waren also da und es würde mir in Bälde nicht schwer fallen, diese herrlichen und stolzen Kletterer zu sichten.
Von der Schrattenfluh herkommend sah ich zwischendurch auch die mir bekannten Adler dem Grat zustreben, die dort nach Jagdbarem suchten.
Wegen den Steinböcken konnte ich mir noch Zeit lassen. So war es nicht verwunderlich, dass meine Augen wieder einmal den gelben Fleck suchten, diesmal mit einem Feld-stecher versärkt. Himmel, das darf doch nicht wahr sein! Mir blieb einen Moment die Spucke weg. Was ich da nämlich im Rund der Linse sah, war nichts anderes als ein ausgewachsener Luchs. Ich fragte mich zwar, was dieser Nachtjäger um diese Zeit noch tat. Regungslos drückte sich dieser auf den Boden und beobachtete einen Punkt, der sich bei näherer Betrachtung als Schneehase entpuppte, der noch mit einigen weissen Farbtupfern behaftet war. Immer wieder Grashalme zupfend, näherte sich das Langohr Hupf für Hupf der drohenden Gefahr.
Als die Grosskatze wohl meinte, den Fluchtweg des Hasen im Griff zu haben, schlich sie sich etwas näher heran, duckte sich wieder, erhob sich dann blitzartig und sprang auf die Beute ab. In der gleichen Zehntelssekunde nahm aber der Löffler diese Bewegung wahr, zog los, und wie. Immer wieder Haken schlagend, sauste der Nager schräg gegen meinen Liegeort hinauf einem wilden Gewirr von Stauden und kleinen Tännchen zu, das eben-falls Zickzack laufende Raubtier immer näher kommend an seinen Hinterpfoten. Als ich schon glaubte, der verheerende Prankenschlag komme jeden Moment, gelang es dem Fliehenden wahrhaftig, wirklich im letzten Moment, das rettende Dickicht zu erreichen und blitzartig darin zu verschwinden. Der Verfolger war noch dermassen im Schuss und vom Jagdfieber besessen, dass er beinahe kopfvoran in das Gebüsch knallte. Sein Stopp war jedenfalls so heftig, dass einige Mutten in die Luft flogen.
Verdutzt stand er nun da, jetzt nur noch zwanzig Meter von mir entfernt, und schämte sich sichtlich seiner Unfähigkeit wegen! Sein kleiner Stummelschwanz wedelte vor Ärger heftig hin und her, und von Zeit zu Zeit verdrängte er seine Wut, indem er mit den kräfti-gen Vorderpranken die Grasnarben traktierte.
Dann legte er sich nieder und äugte gelangweilt in die Gegend. Mich hatte er mit Sicher-heit noch nicht bemerkt. Vielleicht vorher bei meinem nicht gerade lautlosen Abstieg durch das Lättgässli schon. Aber da war ich für ihn noch zu weit weg, und sicher hatte er den Vorfall inzwischen vergessen.
Gut getarnt konnte ich mir nun die Musse nehmen, dieser wunderschöne Tier etwas näher zu betrachten. Von meinen Studien konnte ich unschwer erkennen, einen ausge-wachsenen Kuder (Kater) vor mir zu haben. Dessen schwarze Büschel hoben sich lustig von den Lauschern des runden Kopfes ab, und wenn er etwas in meine Richtung blin-zelte, konnte ich seine schönen grüngelben Augen bewundern. Die Faszination war in diesem Moment grenzenlos, und plötzlich beschlich mich eine leise Wehmut, denn nicht lange vorher hatte ich von den ersten "Luchsmorden" an diesem geschützten Tier ver-nommen.
So sind wir uns über einige Zeit gegenübergelegen. Die Sonne stand schon recht hoch und wärmte mir wohlig den Rücken. Als mir die Steinböcke wieder in den Sinn kamen, konnte ich mich gerade noch vergewissern, wie die letzten auf die andere Seite des Berggrates wechselten, in die Gegend oberhalb der Gummialp.
Und immer war der Luchs noch da, was mich doch sehr erstaunte, ist doch diese Gattung eher der Nacht oder Dämmerung zugeordnet. Sei es nun wie es wolle, Haupt-sache er war überhaupt da und hat mir einige wunderschönen Sequenzen vermittelt.
Wegen meinem bewegungslosen Liegen tat mir der Rücken schon recht weh. Deshalb beschloss ich, der Begegnung ein Ende zu bereiten. Unverhofft stand ich auf, lachte dem aufgescheuchten und in langen Gängen den Berg hinuntersausenden Luchs nach.
Beflügelt durch das nicht erwartete Zusammentreffen, brachte ich sogar das Couloir mühelos hinter mich und strebte wieder dem Hotel zu. Der dort anwesende luzernische Wildhüter Fritz Wicki hörte anschliessend meinen Ausführungen interessiert zu. "Also doch", meinte er nur, was immer das auch heissen mochte.